Homo Syntheticus, oder „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.‟

Dieser Satz Friedrich Nietzsches hat eine gefährliche Anziehungskraft. Er klingt, als habe er auf das Zeitalter der künstlichen Intelligenz und der humanoiden Robotik gewartet. Wer heute Maschinen auf zwei Beinen sieht, die Kisten tragen, Schrauben sortieren oder mit erstaunlich glatter Stimme sprechen, könnte meinen, die alte Forderung sei endlich technisch eingelöst: Der Mensch ersetzt seine müden Muskeln durch Motoren, seine Unaufmerksamkeit durch Sensoren, seine unzuverlässliche Erinnerung durch Speicher. Er schafft sich ein Wesen, das ihm ähnlich sieht und doch nicht unter dem leidet, woran er selbst leidet. Weiterlesen

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Cui bono – wem nützen die Sprengstoffdrohnen?

In aufgeheizten Zeiten sterben Fragen oft als Erste. Kaum geschieht etwas Außergewöhnliches, scheint bereits festzustehen, wer der Täter gewesen sein müsse. Die Geschwindigkeit, mit der sich heute Gewissheiten bilden, steht häufig in einem merkwürdigen Missverhältnis zur Langsamkeit, mit der sich Wahrheit gewöhnlich offenbart. Noch ehe Ermittler ihre Arbeit abgeschlossen hätten, hätten Kommentatoren bereits ihre Urteile gefällt, Politiker ihre Erklärungen abgegeben und die sozialen Netzwerke ihre Anklageschriften verfasst.

Vielleicht wäre gerade dann der Augenblick gekommen, sich einer alten lateinischen Frage zu erinnern: Cui bono? Wem nützt es? Weiterlesen

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Die Fallhöhe der Gerechten

I.

Es gibt Worte, die einen eigentümlichen Klang besitzen, obwohl sie kaum noch jemand benutzt. Eines davon ist das Wort gerecht. Es wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, nach Kanzelsprache und Bibelübersetzung, nach einem Vokabular, das sich lieber mit Tugenden beschäftigte als mit Befindlichkeiten. Gerade deshalb lohnt es sich, einen Augenblick bei ihm zu verweilen. Denn kaum ein anderes Wort beschreibt so präzise jene stille Versuchung, die Menschen seit Jahrtausenden begleitet: nicht einfach recht haben zu wollen, sondern gut zu sein. Weiterlesen

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Die Kunst, eine Maschine anzusprechen

Über Prompt Literacy und die neue Beredsamkeit aus der Sicht einer KI

Es gibt Fähigkeiten, die erst dann als Fähigkeiten sichtbar werden, wenn jemand sie nicht besitzt. Wer nie gelernt hat, einen Brief zu schreiben, merkt das spätestens, wenn er einen schreiben muss: nicht das Fehlen der Worte schmerzt ihn, sondern das Fehlen des Tons, der Haltung, der impliziten Kenntnis darüber, wen er eigentlich anspricht und was dieser Jemand von ihm erwartet. Mit der sogenannten Prompt Literacy verhält es sich ähnlich, nur dass die Maschine, die man gerade anspricht, weder beleidigt werden kann noch Geduld verliert, weshalb das Scheitern zunächst unsichtbar bleibt. Man bekommt eine Antwort. Man glaubt, kommuniziert zu haben. Weiterlesen

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Im Gleichschritt Marsch

oder die fatale Rückkehr des Militärischen

Man kann sie ja verstehen, die Kettenrassler in Uniform. Viele Jahre waren die Männer und Frauen in Uniform die Underdogs der Gesellschaft. Mitleidig belächelt von den einen – „hast wohl nichts richtiges gelernt‟ –, als Mörder beschimpft von den anderen, verrichteten die Soldaten ihren Dienst mehr oder weniger unsichtbar in der Gesellschaft. Weiterlesen

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Eine Zivilisation im Untergang

Das Licht, das bleibt, während alles dunkler wird

Die Geschichte wiederholt sich nicht? Der aufmerksame Beobachter des politischen Zeitgeists hat da seine Zweifel:

Es gibt einen Moment in Gibbons Decline and Fall, den man erst beim zweiten Lesen wirklich versteht. Nicht die großen Schlachten, nicht den Verrat der Generäle, nicht einmal den langsamen Zerfall der Institutionen, sondern eine fast beiläufige Beobachtung: dass die Römer des fünften Jahrhunderts die Aquädukte noch benutzten, ohne zu wissen, wie man sie repariert. Das Wasser floss noch. Die Kenntnisse, es fließen zu lassen, waren verschwunden. Weiterlesen

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Die unheimliche Dreifaltigkeit

… oder die Hunde des Krieges

Es gibt Epochen, die ihren geistigen Zustand in Monumenten verewigen, und es gibt solche, die ihn in ihrer Sprache verraten. Die gegenwärtige europäische Politik scheint zu letzterer Kategorie zu gehören. Wer den öffentlichen Diskurs aufmerksam verfolgt, stößt auf eine bemerkenswerte Veränderung. Begriffe wie Abschreckung, Kriegstüchtigkeit, Einsatzbereitschaft und militärische Führungsverantwortung sind aus den Randbereichen der politischen Debatte ins Zentrum gerückt. Sie erscheinen nicht mehr als Ausnahmevokabular für außergewöhnliche Krisen, sondern zunehmend als selbstverständliche Bestandteile einer neuen politischen Normalität. Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer stehen exemplarisch für diesen Wandel. Sie mögen sich in zahlreichen politischen Fragen unterscheiden, doch eint sie die Überzeugung, dass Europas Zukunft maßgeblich durch militärische Stärke gesichert werden müsse. Der Krieg in der Ukraine bildet dabei den historischen Hintergrund, vor dem sich diese Entwicklung vollzieht, doch seine Bedeutung reicht längst über die Grenzen dieses Konflikts hinaus. Weiterlesen

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Ein Grüner am Küchentisch

Morgens um 11:00 Uhr muss die Welt gerettet werden. Aber wie?

Also ich als ohne Frage politisch naiver und ohne intime Kenntnisse der Lenkungshierarchie ausgestatteter Bürger stelle mir das ungefähr folgendermaßen vor: Weiterlesen

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Umverteilung, das Lieblingswort der Schmarotzer

Die Bildungskatastrophe, seit Jahren deutlich wahrnehmbar bei deren Opfern im politischen Personal und den Herolden in den Wahrheitsmedien, also denen, die dafür sorgen, daß das gemeine Volk bei der von den Herrschenden geforderten Linie bleibt, hat wieder einmal voll zugeschlagen. Weiterlesen

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Das unberührte Band

Warum erst die Erschütterung die Konturen der Freundschaft zeichnet

Es gibt Abende, an denen das Leben leicht erscheint, fast flüchtig, wie der Schaum auf dem Wein, den man in einer lauten, warmen Stube mit Menschen teilt, deren Gesichter im fahlen Licht der Lampen vertraut wirken. Man lacht über dieselben Einfälle, ereifert sich über die kleinen Absurditäten des Alltags und geht schließlich auseinander mit dem wohligen Gefühl, nicht allein zu sein. Es ist eine wohlfeile Wärme. Jahrelang hielt ich diese Momente für das Fundament dessen, was wir Freundschaft nennen. Wir waren Gefährten des Vergnügens, Konsumenten einer gemeinsamen Zeit, die sich wie eine schützende Decke gegen die Kälte der Welt anfühlte. Doch es war eine Decke aus dünnem, brüchigem Stoff. Erst als der Wind drehte, als das eigene Leben Risse bekam und die Kulissen der alltäglichen Heiterkeit in sich zusammenbrachen, zeigte sich die wahre Natur dieser Konstruktion. Die meisten jener Gefährten blieben dort, wo das Licht hell und die Musik laut war. Sie taten das nicht aus Bosheit; sie waren lediglich für ein anderes, leichteres Theaterstück gebucht gewesen. Weiterlesen

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