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Wenn der Alltag Fieber bekommt
Es hätte ein friedlicher Samstagnachmittag werden können: eine jener trügerischen Stunden, in denen sich das Leben in einer Wohnsiedlung mit Grünanlage selbst genügt. Ein paar akkurat geschnittene Hecken, ein Himmel von beinahe beleidigender Harmlosigkeit, und Menschen, die einander zufällig begegnen. Doch wie so oft im literarischen Kosmos kippt die Idylle nicht mit einem Knall, sondern mit einem kaum hörbaren Riss.
Vier Figuren geraten in ein Geflecht aus dramatischen Nichtigkeiten, das sich mit der Logik eines Traums immer enger zieht. Da ist Jeremias, der verkannt gebliebene Schriftsteller (Achtungserfolg durch seine „Gefängnismemoiren‟), einst als Mörder verurteilt, später durch entlastende Beweise rehabilitiert, ein Mann, der gewissermaßen aus dem Off zurückgekehrt ist, wie eine Figur, die ihre eigene Erzählung überlebt hat. Seine Existenz wirkt bereits wie ein Widerspruch zur Wirklichkeit: freigesprochen, aber nicht entlassen aus dem Schatten der Tat.
Ihm gegenüber steht jener Polizist, dessen Karriere an eben diesem Fall eine unschöne Delle davontrug. Nun zweiter Dienststellenleiter-Stellvertreter, trägt er die unauffällige Tragik des Apparatsmenschen, der sich rehabilitieren will, indem er Ordnung schafft, und dabei unmerklich neue Unordnung produziert. In seiner Person verdichtet sich die Staatsmacht zu einer nervösen Energie, die weniger ermittelt als projiziert.
Kleinstauber wiederum, ein gescheiterter Torhüter mit Vorliebe für lateinische Zitate, ist eine Figur wie aus einer komischen Nebenhandlung, und doch wird er zum Resonanzkörper des Geschehens. Sein einstiger Traum vom sportlichen Ruhm ist versandet, zurück blieb eine bürokratische Existenz, die er mit Sentenzen aus Cicero oder Seneca würzt, als könne die Antike dem provinziellen Stillstand metaphysischen Glanz verleihen. Auch er taumelt, halb bewusst, durch ein Szenario, das sich der Ratio entzieht.
Und dann ist da Susanne, eine Frau mit Hang zur Hypochondrie, deren Alltag ohnehin von latenter Bedrohung durchzogen ist. Für sie ist die Welt stets einen Herzschlag vom Kollaps entfernt. Was für andere wie Übertreibung erscheint, wird in dieser Erzählung zur prophetischen Wahrnehmung: Ihre Angstzustände wirken wie ein feines Messinstrument für die tektonischen Verschiebungen unter der Oberfläche des Banalen.
Was folgt, ist kein klassisches Drama, sondern eine Eskalation im Modus des Absurden. Die Staatsmacht erscheint in der Wohnanlage wie ein fiebriger Gedanke, der sich nicht mehr abschütteln lässt. Ein heißer Tag gerät ins Glühen, die Luft scheint zu flimmern, und mit ihr die Grenzen zwischen Bedeutung und Missverständnis. Aus kleinen Anlässen wachsen groteske Verdächtigungen; harmlose Gesten mutieren zu Indizien. Die Logik wird porös, die Realität beginnt, sich selbst zu zitieren.
Das Surreale dieser Handlung liegt nicht im Spektakulären, sondern im Minimalen: in der Art, wie sich Nichtigkeiten aufblähen, wie Sprache und Wahrnehmung sich verselbständigen. Man fühlt sich bisweilen an einen Albtraum erinnert, in dem man erklären will, und gerade dadurch alles verschlimmert. Für das Lesepublikum entfaltet sich daraus eine feine Komik, die jedoch nie in bloße Farce kippt. Denn für die Figuren ist die Bedrohung real, ihre Angst kein Spiel, sondern existenzielles Fieber.
So verwandelt sich ein Samstagnachmittag in ein Kammerspiel der Überhitzung: Die Ordnung der Dinge löst sich nicht spektakulär auf, sondern verdampft langsam in der Hitze gegenseitiger Projektionen. Am Ende bleibt die beunruhigende Erkenntnis, dass das Absurde nicht jenseits der Normalität liegt, es wohnt ihr inne, bereit, bei nächster Gelegenheit hervorzutreten.
Es gehört zu den stillen Meisterleistungen der Gegenwartsliteratur, das Ungeheure nicht im Paukenschlag, sondern im Flirren der Alltäglichkeit sichtbar zu machen. Heinz Kröpfl beherrscht diese Kunst mit einer Souveränität, die sich nicht aufdrängt und gerade darin ihre nachhaltige Wirkung entfaltet.
Was in seinem Roman zunächst wie ein überschaubares Arrangement wirkt, eine Wohnsiedlung, ein heißer Nachmittag, vier Figuren mit beschädigten Biografien,, gerät unter seiner Federführung zu einem Laboratorium der Wahrnehmung. Kröpfl interessiert nicht der große Skandal, sondern die tektonische Verschiebung im Inneren des Gewöhnlichen. Er schreibt keine grellen Absurditäten, sondern entwickelt das Surreale aus der Logik des Banalen selbst. Gerade darin liegt seine literarische Raffinesse.
In dieser Verschränkung von psychologischer Feinarbeit und gesellschaftlicher Tiefenschärfe liegt die eigentliche Größe seines Romans. Kröpfl zeigt, wie dünn die Haut ist, die unsere bürgerliche Selbstgewissheit schützt, und wie rasch sie unter Druck zu flirren beginnt. Seine Literatur ist kein Aufschrei, sondern ein leises, nachhaltiges Infragestellen.
So erweist sich der Autor als Chronist jener Zwischenzonen, in denen Realität ins Surreale kippt, ohne dass man genau benennen könnte, wann der Umschlag geschieht. Er schreibt über das Fieber im System, und über die Menschen, die es in sich tragen, lange bevor es sichtbar wird. Wenn Literatur die Aufgabe hat, unsere Gewissheiten zu irritieren und zugleich mit ästhetischer Formstrenge zu überzeugen, dann hat Kröpfl diese Aufgabe mit beeindruckender Eleganz eingelöst.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 2. März 2026